Runder Tisch mit Ecken

Das Eine Welt Netzwerk Hamburg (EWNW) hat auf Bitte des Arbeitskreises Hamburg Postkolonial (AK) am 10.12.2014 zu einem Runden Tisch eingeladen. Thema war der Senatsbericht zur Aufarbeitung des kolonialen Erbes der Stadt Hamburg und die Kritik von Selbstorganisationen Schwarzer und afrikanischer Menschen sowie solidarischer Initiativen am Senatsbericht. Rund 30 Expert_innen und Vertreter_innen migrantisch-diasporischer Gremien, postkolonialer Initiativen, oeffentlicher Institutionen, der Universität Hamburg sowie der beteiligten Behoerden und Fraktionen versammelten sich im Bürgersaal des Hamburger Rathauses.

Sie tauschten sich darüber aus, wie eine dekolonisierende Erinnerungskultur in Hamburg ausgestaltet werden sollte. Der AK und das EWNW begrüßen grundsätzlich die Tatsache, dass sich Hamburg als erste bundesdeutsche Stadt zur Aufarbeitung der kolonialen Stadtgeschichte entschieden hat. Dieser Schritt zeigt die Bereitschaft, sich mit der kolonialen Vergangenheit und der daraus resultierenden historischen Verantwortung Hamburgs auseinanderzusetzen. Damit geht der Senat auf eine zentrale und bundesweite Forderung der zivilgesellschaftlichen Initiativen ein, die sich seit Jahren engagiert und kritisch mit der kolonialen Geschichte deutscher Städte und mit ihren Auswirkungen auf die postkoloniale Gegenwart auseinandersetzen.

Der AK und das EWNW erachten es als unerlässlich, dass sie bei der anstehenden Entwicklung eines gesamtstädtischen Erinnerungskonzepts verantwortlich mit einbezogen werden. Ein Konzept, das den Anspruch hat, sich umfassend mit der kolonialen Geschichte Hamburgs auseinanderzusetzen, kann nur erarbeitet werden, wenn die Menschen, die noch heute von den Auswirkungen des Kolonialismus direkt betroffen sind und/oder den Prozess seiner umfassenden Aufarbeitung wesentlich initiiert haben, von Anfang an maßgeblich beteiligt werden. Es ist zudem ein Anliegen des EWNW, die konzeptionelle Diskussion auf zivilgesellschaftlicher Basis zu ermöglichen und voranzutreiben.

Zu Beginn des Runden Tisches berichtete Ginnie Bekoe (Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.V.) über ihre Wahrnehmung als Schwarze Frau, wenn sie durch Hamburgs Straßen geht. Obwohl Hamburg eine multikulturelle Stadt sei, fühle sie sich im Stadtbild nicht repräsentiert.
Vor allem die neuen Straßen- und Gebäudenamen in Hamburgs Hafencity seien verletzend. Es sei ein Affront, dass dort Marco Polo, Vasco da Gama, Columbus und andere als „Entdecker“ geehrt werden. Kolonialismus funktioniere nur durch Rassismus, der eine Ideologie der Entmenschlichung sei und der ein kollektives Trauma erzeugt habe. Die Straßen- und Gebäudenamen reproduzierten Rassismus und seien eine Verehrung von Welteroberern und Täter_innen.

Millicent Adjei (Afrikanisches Bildungszentrum Arca e.V.) kritisierte, dass der Senatsbericht das Thema Strassenumbenennungen nicht berücksichtigt hat. Um eine stadtweite Erinnerungskultur zu entwickeln, forderte sie eine Expert_innen-Kommission bestehend aus weißen, People of Colour (PoC) und Schwarzen Expert_innen.

Darüber, dass eine Einbeziehung von wissenschaftlichen postkolonialen Diskursen, wie sie in Zusammenschlüssen von Schwarzen und People of Colour sowie anderen kritischen Arbeitsgruppen vertreten werden, waren sich die Teilnehmer_innen weitgehend einig. Bei der Frage, wie konkret und verbindlich die Mitspracherechte von Gremien Schwarzer Menschen, People of Colour und von Gruppen mit postkolonialen Positionen ausgestaltet werden könnten, gingen die Meinungen allerdings auseinander.

Nach über zwei Stunden schlossen die Moderatorinnen Lena Nising und Jasmine Rouamba die Sitzung. Zahlreiche Teilnehmer_innen stimmten dem Anliegen zu, weitere Austauschrunden anzuvisieren.

Einen Tag nach dem Runden Tisch empfahl der Kulturausschuss der Bürgerschaft, den Senat aufzufordern, zeitnah eine - nicht näher definierte - Beteiligung zivilgesellschaftlicher Akteure an der Entwicklung des Senatskonzeptes zu gewährleisten.

Bericht des Kulturausschusses zum Senatsbericht vom 19.12.2014:
>> http://hhpostkolonial.files.wordpress.com/2014/05/ausschussbericht-kulturausschuss-19-12-2014.pdf

Presseerklaerung des Arbeitskreis HAMBURG POSTKOLONIAL, der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) und des Zentralrats der Afrikanischen Gemeinde in Deutschland vom 8.1.2015:
>> http://hhpostkolonial.wordpress.com/2015/01/08/not-about-us-without-us/#more-638

Website des Arbeitskreises HAMBURG POSTKOLONIAL:
>> http://www.hamburg-postkolonial.de

Stellungnahme des Senats Aufarbeitung des „kolonialen Erbes“ – Neustart in der Erinnerungskultur vom 8.7.2014:
>> http://hhpostkolonial.files.wordpress.com/2014/07/senatsbericht-koloniales-erbe2014.pdf

Christa Goetsch über die Aufarbeitung des kolonialen Erbes
„Wir brauchen einen langen Atem“, sagte Christa Goetsch in ihrer Rede vor der Hamburger Bürgerschaft am 22. Januar 2015. Die frühere Schulsenatorin, Vizebürgermeisterin und langjährige Abgeordnete der Grünen sprach über das koloniale Erbe der Stadt und wie Hamburg ein Neustart in der Erinnerungskultur unter Einbeziehung der Partnerschaft mit Daressalam gelingen kann.
>> https://www.youtube.com/watch?v=P0Xqs77KoBU