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Kunst in Verantwortung

Das Eine Welt Netzwerk Hamburg hat den Offenen Brief von Kulturschaffenden aus Hamburg "Kunst in Verantwortung" mitunterzeichnet, um damit seine Solidarität mit Kampnagel zu bekunden. Im Dezember letzten Jahres hatte die AfD Hamburg gegen die Intendantin von Kampnagel, Amelie Deuflhard, Strafanzeige gestellt, da sie mit einer Kunstaktion Lampedusa-Flüchtlinge unterstützt und Geflüchtete dort auch während der Kunstaktion wohnen können. Konkret wird ihr von der AfD „Beihilfe zu Ausländerstraftaten“ und „Untreue“ vorgeworfen.

Kunst in Verantwortung - Offener Brief

 

Hamburgs Kulturschaffende unterstützen Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard nach Strafanzeige der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD).
 

Das Hamburger Künstlerkollektiv Baltic Raw hat auf dem Gelände des internationalen Kunstzentrums Kampnagel ein eindrucksvolles Projekt gestartet, die „ecoFavela Lampedusa-Nord“: Aus Spendenmitteln wurde ein Holzhaus winterfest gemacht und als künstlerischer und sozialer Ort neu eröffnet – betrieben und bewohnt von sieben jungen Menschen, die als Flüchtlinge nach Europa gekommen waren und hier obdachlos blieben. Das Kunstprojekt macht Zusammenhänge sichtbar, die der bürokratische Alltagsverstand nur zu gerne trennt. Es hinterfragt die [systematische] kulturelle und soziale Ausgrenzung von Flüchtlingen in Europa, die bereits mit ihrer Unterbringung in isolierten Massenunterkünften beginnt. Statt selbstgerecht und ahnungslos über Menschen und ihre Flucht zu urteilen, lädt es zu einem Austausch auf Augenhöhe ein. Auf dem Terrain der Kultur ermöglicht es so einen heilsamen Perspektivwechsel, der außerhalb scheinbar nicht mehr möglich ist – zu einschneidend sind die Beschränkungen, denen Geflüchtete hierzulande unterworfen sind. 

Diese Fähigkeit, versteinerte Deutungsmuster aufzubrechen und Probleme zu benennen, von denen die Gesellschaft nichts wissen will, ist eine Kernaufgabe zeitgenössischer Kunst.

Es ist keine Überraschung, dass die AfD vor der anstehenden Bürgerschaftswahl jede Möglichkeit nutzt, öffentlichkeitswirksam auf sich als deutschnationale Law & Order-Partei zu verweisen. Mit ihrer Strafanzeige gegen die Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard bedient sie Ressentiments: gegen Flüchtlinge, die in der paranoiden Wahrnehmung der Rechtspopulisten das Abendland gefährden und den Sozialstaat zu Fall bringen; und gegen eine Kunst, die man nicht auf den ersten Blick versteht, deren Fragen man aber dennoch als Zumutung empfindet.

Öffentlich spielen sich die AfDler als gesetzestreue Bürger auf: In der Anzeige geht es um den „Verdacht der Beihilfe zu Ausländerstraftaten“. Doch AfD-Kandidat Dirk Nockemann träumt auch ganz unverhohlen von einer postdemokratischen Gesellschaft: „In einer anderen gesellschaftlichen Form würde Ihnen etwas ganz anderes blühen als diese Anzeige“, sagt er in einer Podiumsdiskussion zu Amelie Deuflhard.

Wir können davor nicht länger die Augen verschließen, wir müssen uns den Tatsachen stellen: Von mehr als 50 Millionen Flüchtlingen weltweit erreicht nur ein verschwindend geringer Anteil Europa. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland als Aufnahmeland im Mittelfeld. Deutschland hat vor zwanzig Jahren ein extrem restriktives Asylrecht geschaffen, das den Namen kaum mehr verdient. Flüchtende, die Deutschland über sogenannte „sichere Drittstaaten“ erreichen, können hier schon deshalb kein Asyl beantragen. Um dies durchzusetzen, hat Deutschland einen innereuropäischen Abschiebemechanismus mit durchgesetzt (sog. Dublin-System). Auch das Asylbewerberleistungsgesetz diskriminiert Flüchtlinge systematisch und verdammt sie zu einem unselbständigen, ohnmächtigen Leben auf Abruf.

Wir haben es auch der Flüchtlingsgruppe Lampedusa in Hamburg zu verdanken, dass diese katastrophale Lage überhaupt angemessen wahrgenommen und diskutiert wird. Diese Flüchtlinge sind in den Zwickmühlen der europäischen Abschiebebürokratie gefangen: In Italien werden ihnen zustehende Leistungen verweigert, in Deutschland werden sie in die Illegalität gedrängt. Doch statt zu resignieren, haben sie einen selbstbewussten Protest organisiert, der in ganz Deutschland wahrgenommen wird. Hamburgerinnen und Hamburger aus allen Schichten sind seither für die Anliegen der Flüchtlinge auf die Straße gegangen. Sie und wir haben erkannt, dass Flucht und Vertreibung nicht durch restriktive Asylpolitik und Polizeikontrollen zu begrenzen sind. Wir haben die Unmenschlichkeit des deutsch-europäischen Abschiebesystems aus der Nähe erleben können, direkt vor unserer Haustür. Nicht die Flüchtlinge sind das Problem, sondern ihre Ausgrenzung nach Recht und Gesetz.

Wahlkampf auf dem Rücken von Flüchtlingen ist gefährlich. Die jüngsten Erfolge rechtspopulistischer Parteien und Bewegungen – von AfD bis PEGIDA – zeigen, wie leicht es ist, ein rassistisches Weltbild in „berechtigte Sorgen“ umzudeuten. Viel schwerer ist es, Probleme im Zusammenhang zu sehen und dabei auch die eigene Verantwortung, das eigene Versagen anzuerkennen. Das Kunstprojekt auf Kampnagel hilft uns bei diesem Schritt.