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Hamburg erhält den Titel „Fair Trade Stadt“

Soziales Marketing für die Stadt der Pfeffersäcke: Das Eine Welt Netzwerk Hamburg bemängelt halbherziges Vorgehen und fehlende Kohärenz in Sachen Fairer Handel. Am 27. Mai verleiht die Fair-Handels-Organisation TransFair der Stadt Hamburg im Festsaal des Rathauses den Titel „Fair Trade Stadt“.

Das Eine Welt Netzwerk Hamburg (EWNW), der Dachverband entwicklungspolitischer Initiativen in Hamburg, freut sich, dass die Stadt in Sachen Fairer Handel positive Zeichen setzt.

Mit der Förderung des Fairen Handels können ProduzentInnen von zertifizierten FairTrade-Waren aus benachteiligten Regionen in Afrika, Asien, Mittel- und Südamerika von langfristigen und direkten Handelsbeziehungen profitieren. Außerdem sind die Arbeitsbedingungen und die Löhne besser als unter den Bedingungen des herkömmlichen Welthandels, der Armut oft noch verschärft.

Gleichwohl merkt das EWNW an, dass es nicht sehr schwer ist, diesen Titel zu erhalten: Ein Senatsbeschluss, dass bei öffentlichen Sitzungen FairTrade-Produkte wie Kaffee, Tee und Orangensaft ausgeschenkt werden, mindestens 180 Einzelhandelsgeschäfte und 90 Gastronomiebetriebe, in denen wenigstens ein fair gehandeltes Produkt erhältlich ist und mindestens zehn öffentliche Einrichtungen wie Krankenhäuser, Schulen oder Sportvereine, die FairTrade-Produkte, etwa Fußbälle und Textilien, verwenden – das sind schon fast alle der fünf zu erfüllenden Kriterien.

„Wir erwarten, dass Hamburg sich nicht auf diesem Titel ausruht. Den Titel einzuheimsen und gleichzeitig Gelder für entwicklungspolitische Projekte zu kürzen, ist nicht akzeptabel und steht der Stadt nicht gut zu Gesicht“, sagt Anneheide von Biela, die Geschäftsführerin des Eine Welt Netzwerks Hamburg.

Statt Geld für aufwändige Festivitäten zur Titelverleihung auszugeben, sollten Mittel besser – etwa durch die Wirtschaftsbehörde - in eine Koordinationsstelle investiert werden, so von Biela. Die bisherige kleine Projektstelle, angesiedelt bei dem Verein Mobile Bildung, laufe zum Oktober 2011 aus – und dies, obwohl sich alle Beteiligten in der Steuerungsgruppe einig seien, dass die Titelverleihung lediglich der Auftakt für weitere FairTrade-Aktivitäten sein sollte. Malmö dagegen, das 2006 die erste „Fair Trade Town“ Schwedens wurde, hat schon im ersten Jahr 100.000 Euro investiert, um in der Stadtverwaltung ein „Fair Trade Town-Büro“ zu eröffnen - mit einer Koordinationsstelle, die noch heute aktiv ist.

Außerdem müsse der Anteil von FairTrade-Produkten in Hamburger Behörden, Schulen und anderen Einrichtungen noch deutlich erhöht werden, sagt von Biela. Welche Anstrengungen Hamburg in dieser Hinsicht unternehme, sei noch völlig unklar.

Es lassen sich noch viele weitere Beispiele auflisten, die von fehlendem Gesamtblick und mangelnder Kohärenz zeugen: So will der SPD-Senat den Haushaltstopf „Entwicklungszusammenarbeit“ um 60.000 Euro kürzen. „Für eine Stadt, die von Kolonialismus und ungerechten Welthandelsstrukturen stark profitiert hat, ist dieser Titel mit 340.000 Euro ohnehin sehr karg ausgestattet“, bemängelt von Biela. Mit diesen Geldern werden auch Bildungseinrichtungen in Hamburg unterstützt, die über weltweite Gerechtigkeit, Arbeitsbedingungen, Klimawandel und Fairen Handel informieren. Statt diese stärker zu fördern, wird ihnen der Geldhahn zugedreht.
Zudem wird wohl im nächsten Jahr in Hamburg ein Drittel der Plätze für ein Freiwilliges Ökologisches Jahr wegfallen, weil Finanzmittel fehlen. Die Stellen sind bei Trägern angesiedelt, die sich im Bereich Nachhaltigkeit und Globales Lernen engagieren.

Chemikalien, Waffen, Soja, Kaffee, Metallschrott, Plastik-Nippes, Steinkohle, Maschinen, Fahrzeuge, Jeans, Computer und Sportschuhe: Gehandelt wird in Hamburg viel – fair gehandelt leider viel zu wenig. Gemessen am Containerumschlag zählt der Hamburger Hafen zu einem der größten Häfen der Welt.
Mit Deutschlands Politik der Exportsteigerung und des vermehrten Imports von Rohstoffen profitiert Hamburg von den unfairen Strukturen in der Weltwirtschaft. Menschen- und Arbeitsrechte in den Ländern des Südens, Ernährungssicherheit und Umweltschutz bleiben dabei oft auf der Strecke.

Mit dem Titel „Fair Trade Stadt“ ist es nicht getan. Es braucht den Willen für eine ernsthafte Veränderung, fordert das EWNW. Das Investitions- und Nachfragevolumen Hamburgs stellt ein wirtschaftspolitisch bedeutendes Potenzial dar. Die Stadt könnte hier ein Vorbild sein. Durch eine gezielte Nachfrage nach sozial gerecht produzierten Waren, etwa Textilien, EDV-Geräte, Steine, Lebensmittel - sollte Einfluss auf die Anbieter genommen werden.
Leider beschränkt der Hamburger Senat bislang die Ausschreibung von Produkten für Behörden und Stadtbau, die zumindest unter Einhaltung der ILO-Kernarbeitsnormen hergestellt sein sollen, auf eine kleine Palette.„Wir werden genau beobachten, ob Hamburg auf diesem Gebiet weitere Schritte unternimmt“, sagt die Geschäftsführerin des Eine Welt Netzwerks Hamburg.

Einladung Fair Trade Stadt 27. Mai [pdf]